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Peak Oil –
Über das Ende des billigen Öls

Von der Bedeutung des Erdöls für unsere Gesellschaft

Öl ist ein ganz besonderer Stoff mit einer herausragenden Bedeutung für unserer Gesellschaft. Öl ist brennbar und weist eine hohe Energiedichte auf. Öl ist flüssig und lässt sich somit leicht transportieren, lagern und handhaben. Es treibt unseren Verkehr an und heizt einen Großteil unserer Wohnungen. Öl ist Grundlage für Schmierstoffe. Und schließlich ist Erdöl auch der Rohstoff für die chemische Grundstoffindustrie. Aus Erdöl werden fast alle Kunststoffe hergestellt, Medikamente, Pestizide, Farben, Lacke und Klebstoffe, Kunstdünger usw. Erdöl ist aufgrund seiner Eigenschaften existenziell wichtig für unsere heutige Gesellschaft, und es kann aufgrund des hohen Verbrauches nicht ohne weiteres ersetzt werden. Auf Seite 13 der Peak-Oil-Studie der Bundeswehr heißt es dazu: „90% aller industriell gefertigten Produkte hängen heute von der Verfügbarkeit von Erdöl ab“ und weiter: „Eine starke Verteuerung des Erdöls würde ein systemisches Risiko darstellen, da die Funktionalität großer Teile heutiger Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme von der Verfügbarkeit relativ preiswerten Erdöls abhängig ist.“ Erdöl ist die Grundlage unserer Industriegesellschaft. Wir sind abhängig vom Öl.

Ölfeuer und verseuchtes Land im Niger-Delta
Abbildung 1: Ölfeuer und verseuchtes Land im Niger-Delta im Siedlungsgebiet der Ogoni
Quelle: „Oil Impact Warnings in Ogoni Land“, UNPO
Irakischer Panzer vor brennenden Ölquellen
Abbildung 2: Irakischer Panzer vor brennenden Ölquellen im Golfkrieg 1991

Risiken und Nebenwirkungen

Die Verwendung von Erdöl birgt aber auch schwer wiegende Probleme:

Ökologisch:

Die Verbrennung des Erdöls setzt CO2 frei, das deutlich zum Treibhauseffekt beiträgt. Die Ölförderung ist teilweise mit drastischen Folgen für die Umwelt verbunden, insbesondere z.B. die Förderung von Teersanden in Kanada.

Sozial:

Die Gewinne aus dem Ölgeschäft kommen in den meisten Ölförderländern nur einer sehr kleinen Schicht der Bevölkerung zu gute, während große Teile der Bevölkerung in Armut leben. Soziale Ungleichheit wird verschärft, Spannungen sind vorprogrammiert. Geld aus dem Ölgeschäft wird eingesetzt, um ein Aufbegehren zu unterdrücken. Arme Bevölkerungsschichten leiden mit unter zusätzlich an der Verseuchung des von ihnen als Ackerland benötigten Bodens. Kaufen wir Öl aus entsprechenden Ländern, unterstützen wir damit auch die dort etablierten sozialen Strukturen.

Politisch:

Menschen, die sich gegen die mit der Ölförderung einhergehenden Vergiftung ihrer Lebensräume einsetzten, werden, wie im Falle von Ken Saro-Wiwa von diktatorischen Staaten zugunsten der Interessen multinationaler Konzerne unterdrückt. Öl- und Gasvorkommen finanzieren Diktaturen an vielen Stellen der Welt, finanzieren Kriege oder sind überhaupt erst der Grund für viele Kriege. Eine Abkehr vom Öl würde uns noch viele weitere Kriege ersparen.

Allein solche ökologischen und politischen Überlegungen sollten uns Grund genug sein, unsere Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren und uns so schnell wie möglich ganz vom Erdöl zu lösen.

Hubbert Peak
Abbildung 3:
Oben: Phasen der Förderung an einer Ölquelle. Zunächst muss die Quelle erschlossen werden. In dieser Phase steigt die Ölproduktion an. Anschließend wird ein Plateau erreicht, auf dem mit maximaler Leistung gefördert wird. In der dritten Phase fällt schließlich die Produktion wieder ab.
Unten: Überlagert man die Produktionskurven der Förderanlagen eines Ölfeldes oder einer Förderregion, so ergibt sich in der Summe die Hubbert-Kurve.
Quelle: Wikipedia

Peak Oil – das Ölfördermaximum

Früher oder später werden wir uns so oder so vom Erdöl lösen müssen, denn die weltweiten Erdölvorkommen sind begrenzt. Aber wann werden wir mit den Folgen der Endlichkeit der Erdölvorkommen konfrontiert werden?

Die Ölforderung in einer einzelnen Ölquelle folgt in etwa einem bestimmten Verlauf, bestehend aus Erschließung, maximaler Produktion und schließlich dem Produktionsrückgang (Siehe Abbildung 3 oben). In dieser letzten Phase wird mit zunehmendem technischen Aufwand und schwindendem Erfolg versucht, noch möglichst viel Öl aus der Quelle zu ziehen. Betrachtet man ein ganzes Ölfeld, so überlagern sich die Produktionskurven der einzelnen Quellen. Die sich ergebende Kurve wird auch Hubbert-Kurve genant. Der Erdölexperte Marion King Hubbert übertrug 1956 diese Kurve auf die amerikanische und die weltweite Ölförderung und prägte den Begriff „Peak Oil“ für das Ölfördermaximum. Am Anfang belächelt, erregte er jedoch damit letztendlich viel Aufsehen, denn seine Vorhersage für ein Fördermaximum der USA um das Jahr 1970 bestätigte sich am Ende. Das weltweite Ölfördermaximum berechnete Hubbert auf das Jahr 2010.

Im Jahr 2000 gründete sich um den Erdölgeologen Collin J. Campbell die Assosiation for the Study of Peak Oil and Gas (ASPO). Diese Vereinigung bestimmte den Peak Oil auf das Jahr 2008, was sich bisher auch bestätigt hat. Darin enthalten sind bereits unkonventionelle Öle wie Schweröl, Ölsande, polares Öl und sogar Erdgaskondensat. Im in eben diesem Jahr 2008 stieg der Ölpreis bis auf 146 $/Barrel (zum Vergleich: 1998 ca. 12 $/Barrel im Jahresmittel). Während in der Vergangenheit Ölpreisanstiege stets mit einer deutlichen Ausweitung der Ölförderung beantwortet und abgefedert wurden, blieb eine solche Erhöhung der Erdölförderung 2008 erstmals in der Geschichte trotz des drastischen Ölpreisanstiegs aus. Der Ölpreis stieg weiter, bis die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise ausbrach und den Ölverbrauch drosselte. In der Folge sank der Ölpreis bis auf ca. 40 $/Barrel, was immer noch ein vergleichsweise hohes Preisniveau darstellt. Die weltweite Ölförderung hat den Höchststand von 2008 nicht wieder erreicht, der Ölpreis ist jedoch schon wieder auf über 120 $/Barrel angestiegen (Stand April 2011). Dies lässt vermuten, dass der Ölförderpeak tatsächlich erreicht ist, ein Beweis ist das aber nicht. Eindeutig wird sich der Zeitpunkt des Ölfördermaximums erst einige Jahre nach seinem Eintreten bestimmen lassen.

Die Hubbert-Kurve lässt sich auch auf die Funde neuer Lagerstätten anwenden. In Abbildung 4 kann man erkennen, dass die größten Ölvorkommen bereits relativ früh entdeckt wurden. Spätere Funde wurden dann immer kleiner. Wenn heute in den Medien von neu entdeckten gigantischen Ölfeldern z.B. vor der Küste Brasiliens gesprochen wird, so sind diese Ölfunde in keinster Weise mit den Funden der späten 40er bis 60er Jahre vergleichbar. Die Felder sind viel kleiner, viel schwieriger zu erschließen und enthalten häufig Öl von minderer Qualität (Schweröl). Abbildung 4 zeigt, dass seit etwa 1980 die Menge an gefördertem Öl die Menge an neu gefundenem Öl übersteigt. Die verfügbaren Reserven müssten seit dieser Zeit entsprechend zurück gehen. Die offiziell gemeldeten Reserven steigen jedoch weiter an und scheinen keinen Bezug zur Realität zu haben. In vielen Staaten (wie etwa in den beiden größten Förderländern Saudi-Arabien und Russland) sind Details zur Förderung und zu den Reserven Staatsgeheimnisse, was eine Abschätzung der tatsächlichen Lage schwierig macht. Die offiziellen Statistiken sind jedenfalls mit Vorsicht zu genießen und decken sich nicht mit Industriedatenbanken oder mit den Recherchen von kritischen Beobachtern wie ASPO.

Ölförderung und Ölentdeckung
Abbildung 4: Gegenüberstellung der jährlich neu entdeckten Ölvorkommen und der jährlichen Ölförderung. Die großen und leicht zu erschließenden Ölfelder wurden schon früh entdeckt. Die in letzter Zeit neu entdeckten Ölfelder werden immer kleiner und immer schwieriger zu erschießen. Deutlich wird, dass seit etwa 1980 die Förderung die Menge an neu entdecktem Öl übersteigt.
Quelle: ASPO Irland / Wikipedia

Die Bedeutung von Peak Oil für unsere Gesellschaft

Was bedeutet es jedoch für uns, wenn Peak Oil – das Ölfördermaximum – erreicht ist? Zunächst einmal bedeutet es, dass etwa die Hälfte allen Öls aufgebraucht ist. Die andere Hälfte liegt noch in der Erde. Die erste Hälfte war allerdings das Öl, das einfach und billig zu fördern war. Die zweite Hälfte muss unter immer schwierigeren Bedingungen gefördert werden (z.B. Tiefsee oder Polares Öl) oder unter hohem Energieaufwand gewonnen und aufbereitet werden (z.B. Teersande in Kanada). Obwohl die Anstrengungen immer größer werden, kann die Förderung jedoch nicht aufrecht erhalten werden und geht unaufhaltsam zurück, während der Bedarf jedoch weiter ansteigt.

Unser kapitalistisches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem kann nicht ohne Wirtschaftswachstum funktionieren. Wenn die Ölförderung jedoch nicht weiter gesteigert werden kann sondern sogar zurück geht, ist dieses Wirtschaftswachstum nicht mehr möglich. Wenn wir weiter machen würden wie bisher wäre ein Zusammenbruch unserer Gesellschaft unvermeidlich. Und dieser Zusammenbruch würde nicht erst kommen, wenn alles Öl verbraucht ist, sondern bereits wenn das Fördermaximum überschritten ist und dadurch das Wachstum unmöglich wird. Zeigen wird sich dies wahrscheinlich zuerst in den Finanzsystemen sowie in der Zunahme von Verteilungskonflikten um Öl.

Aussagen wie „das Erdöl reicht noch so und so viele Jahre“ gehen an der Realität vorbei. Diese sogenannte statische Reichweite ergibt sich, wenn man die verfügbaren Reserven und das wahrscheinlich noch zu findende Öl durch die momentane jährliche Ölförderung teilt. Das Problem ist, dass damit der Eindruck vermittelt wird, es gäbe bis zu diesem Zeitpunkt kein Problem und man könnte bis dahin weiter soviel Öl fördern wie bisher, und danach wäre es alle. Tatsächlich kann man aus der Hubbert-Kurve aber erkennen, dass die Ölproduktion immer weiter zurück gehen wird. Das Erdöl wird dabei nie alle werden, aber der Aufwand, um das verbliebene Öl zu fördern wird irgend wann zu hoch sein, spätestens dann, wenn zur Förderung des Öls mehr Energie aufgewendet werden müsste als in dem geförderten Öl steckt. Der für unsere Gesellschaft kritische Zeitpunkt ist nicht der, wenn die statische Reichweite abgelaufen ist, sondern wenn das Fördermaximum erreicht ist. Hier finden die gesellschaftlichen Umbrüche statt, hier klaffen Angebot und Nachfrage auseinander, was den Ölpreis nach oben schnellen lässt, hier kann die Wirtschaft aller Voraussicht nach nicht weiter wachsen sondern beginnt zu schrumpfen, hier geraten die Finanzsysteme ins Wanken. Bereits am Fördermaximum müssen wir uns von einer Wachstumsgesellschaft zu einer Gesellschaft des Gleichgewichts entwickeln.

Die große Chance, die darin liegt

Und genau in diesem Wandel von einer Wachstumsgesellschaft hin zu einer Gesellschaft des Gleichgewichts liegt die große Chance. Wenn wir gezwungen sind, unsere Abhängigkeit vom Öl zu lösen, wenn wir gezwungen sind, unsere Abhängigkeit vom Wirtschaftswachstum zu lösen, dann können wir eine Gesellschaft aufbauen, die auf neuen Prinzipien basiert. Eine Gesellschaft, die Ressourcen nachhaltig nutzt und verantwortlich mit der Natur umgeht, und zwar nicht nur vor der eigenen Haustür, sondern auch dort, wo man Ressourcen z.B. in der 3. Welt nutzt. Eine Gesellschaft, in der nicht mehr das Gewinnstreben das Einzige ist, wonach sich wirtschaftliches Handeln orientiert, sondern in der das Gemeinwohl wieder eine entscheidende Rolle für wirtschaftliche Entscheidungen spielt. Eine Gesellschaft, in der wir wieder miteinander leben anstatt nebeneinander her, in der es eine politische Öffentlichkeit gibt, wo Bürger mitentscheiden, statt die Entscheidungen den politischen und wirtschaftlichen Eliten überlassen zu müssen. Eine Gesellschaft, in der wir wieder verstärkt lokale Produkte verwenden und uns so unabhängiger machen von Großkonzernen und diktatorischen Staaten. Eine Gesellschaft, in der wir selbst über unser Leben und unser Wirtschaften entscheiden.

Jetzt ist unsere Zeit zu handeln

A part of TransitionNetwork.org

Noch haben wir die Chance, die gesellschaftlichen Veränderungen selbst aktiv zu gestalten. Noch sind wir nicht in einem Strudel aus gesellschaftlichen Ereignissen gefangen, der durch das Ölfördermaximum ausgelöst werden könnte. Jetzt können wir an einer Gesellschaft bauen, die auch Bestand hat, wenn Erdöl knapper wird. Jetzt ist unsere Zeit zu handeln. Warten wir nich darauf, dass die Politiker in den oberen Etagen oder die Großkonzerne den richtigen Weg einschlagen. Handeln wir selbst!

Aus diesem Geist heraus ist eine weltweite Bewegung entstanden, die lokal vor Ort in den Gemeinden die Abhängigkeit vom Öl brechen will und eine Unabhängigkeit vom Erdöl anstrebt. Diese Bewegung nennt sich „Transition Town“ – Städte des Wechsels, der Veränderung, des Übergangs. Kaufungen gestaltet Zukunft ist Teil dieser Bewegung. Wir laden alle Kaufungerinnen und Kaufunger ein, aktiv daran mitzuarbeiten, Kaufungen ölunabhängig zu machen. Auf allen Ebenen, in den verschiedensten Bereichen, von der Energieversorgung bis zur Nahrungsproduktion. Machen wir Kaufungen krisensicher, ökologisch nachhaltig, gestalten wir ein lebendiges Miteinander.